Sprachförderung

Grundsätze sonderpädagogischer Sprachförderung

Unverzichtbare Grundlage sonderpädagogischer Sprachförderung ist die fachkundige Durchführung einer sprachspezifischen Diagnostik zur Lautbildung, Wortkenntnis, Satzbildung und zum altersgemäßen Sprachgebrauch.

Die Ergebnisse dieser diagnostischen Arbeit werden für die Förderplanung und den Unterrichtsaufbau in allen Fächern ab der Eingangsklasse genutzt.

Sprachförderung in der Wittekindschule

immanent

  • in allen Fächern
  • didaktisch-methodisch aufbereitet
  • durch spezifische Lehrersprache

additiv

  • individuelle Förderplanung
  • Förderung in Kleingruppe

Intensivförderung im Fach Deutsch

Schriftspracherwerb

  • Training zur auditiven Aufmerksamkeit/ auditiven Wahrnehmung
  • Training zur phonologischen Bewusstheit
  • silbenbasierter Lese- Schreib-Lehrgang „Jo-Jo“ (Cornelsen-Verlag)
  • Stationsarbeit zu jedem Buchstaben
  • Aufbau von Rechtschreibkompetenz auf Grundlage des „ReLv“-Konzepts

Artikulation / Lautbildung

  • Übungen zur Förderung der Mundmotorik
  • Einsatz von Handspiegeln, um Bewegungen der Sprechwerkzeuge sowie Mund- und Zungenstellung beim Artikulieren beobachten zu können
  • Einsatz von LautStützGebärden

Im  Anfangsunterricht Lesen wird jedem neu zu erlernenden Buchstaben eine eigene Laut-StützGebärde zugeordnet.

Sprachförderung_Lautgebärde_A

Laut–Stütz–Gebärde A

Sprachförderung_Lautgebärde_I

Laut–Stütz–Gebärde I

Sprachförderung_Lautgebärde_N

Laut–Stütz–Gebärde N

Sprachförderung_Lautgebärde_O

Laut–Stütz–Gebärde O

 

 

 

 

 

 

Die LautStützGebärden dienen den Kindern als Merk und Abrufhilfe. Ein Laut wird auf diese Weise für die Kinder konkret begreifbar, sichtbar und spürbar gemacht. Mehrere Sinneskanäle werden gleichzeitig angesprochen und berücksichtigt. Die Gebärden unterstützen eine korrekte Lautwahrnehmung, Lautbildung und Lautunterscheidung  und erleichtern die Synthese beim Lesen lernen.

Semantik / Wortschatz

  • Wortschatz handlungsorientiert aufbauen und vernetzen (Erarbeitung von Wortfeldern/ Wortfamilien, Anlegen von Wortspeichern u. ä.)
  • Speicher- und Abrufhilfen für Wörter geben/ nutzen
  • Wortbedeutungen klären
  • Fragehaltung beim Kind aufbauen

Syntax / Satzbau

Die Förderung auf morphologisch-syntaktischer Sprachebene orientiert sich an den sog. „Meilensteinen“ des Grammatikerwerbs.

  • Einsatz eines spezifischen Farbsystems zum Artikelgebrauch
  • korrekter Gebrauch einfacher Satzstrukturen
  • korrekter Gebrauch komplexer Satzstrukturen (Haupt- und Nebensätze)
  • Gebrauch von Präpositionen
  • Besonderheiten der Pluralmarkierung

Kommunikation / Verständigung

  • Blickkontakt aufnehmen und halten
  • Einsatz von Mimik / Gestik/
  • Stimmeinsatz
  • Fragen und Antworten
  • Telefonieren
  • Berichten
  • Nacherzählen
  • Freier Vortrag
  • Lesevortrag
  • Schriftsprachliche Kommunikationsmöglichkeiten (Briefe, Einladungen, E-Mails, …)

Immanente Sprachförderung in allen Unterrichtsfächern

Sonderpädagogische Sprachförderung in allen Fächern zeichnet sich durch sog. kontext- optimierte Unterrichtssequenzen und den gezielten Einsatz der Lehrersprache aus.

Kontextoptimierte Unterrichtssequenzen

Die Kontextoptimierung ist ein von Hans-Joachim MOTSCH entwickeltes Konzept zur Therapie von grammatischen Störungen.

„Kontext“ bedeutet in diesem Fall eine konkrete Unterrichtssituation, welche inhaltlich und methodisch so aufbereitet („optimiert“) wird, dass bewusstes grammatisches Lernen ermöglicht wird.

Hierbei soll die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler auf bestimmte, bisher unentdeckte grammatikalische Aspekte der Sprache gelenkt werden, so dass sie den nächsten Entwicklungsschritt vollziehen können.

Folgende Entwicklungsschritte werden dabei zugrunde gelegt:

1.   Korrekte Platzierung des Verbs an der zweiten Stelle des Satzes:

Ich male ein Bild.

2.   Korrekte Subjekt-Verb-Übereinstimmung:

Ich male ein Bild.

Du malst ein Bild.

Er malt ein Bild.

3.  Korrekte Verwendung vollständiger Sätze /Nebensatzkonstruktionen:

Mir geht es gut, weil ich  meine Freundin treffe.

4.   Korrekter Gebrauch der Fälle:

Gib mir bitte den Stift.

Der Fisch ist im Wasser.

5.   Korrekter Gebrauch von bestimmten und unbestimmten Artikeln:

die Nase                   eine Katze

der Mund                  ein Hund

das Auge

6.   Korrekte Mehrzahlbildung

ein Bild – viele Bilder

ein Schaf – viele Schafe

eine Tasche – viele Taschen

ein Auto – viele Autos

Die kontextoptimierten Unterrichtssequenzen werden inhaltlich an den Lernstoff der verschiedenen Unterrichtsfächer angepasst und orientieren sich am aktuellen grammatischen Entwicklungsstand der betroffenen Lerngruppe.

 

Lehrersprache

Die Lehrersprache ist das einzige Förderinstrument, das jede Lehrkraft immer „dabei hat“ und in allen Unterrichtsfächern nutzt. Der gezielte und bewusste Einsatz der Lehrersprache ist daher ein zentrales Element der unterrichtsimmanenten sonderpädagogischen Sprachförderung in der Wittekindschule. Sowohl verbale als auch nonverbale und stimmliche Elemente der Kommunikation finden dabei Berücksichtigung.

Konkret bedeutet dies, dass im sprachfördernden Unterricht eine spezifische Lehrersprache durch die folgenden Elemente gekennzeichnet ist:

  • gesamtkörperliche Zugewandtheit (z. B. Blickkontakt gezielt aufbauen und halten)
  • gezielter Einsatz nonverbaler Elemente (Mimik, Gestik)
  • ritualisierter Sprachgebrauch (z. B. beim Erteilen von Arbeitsanweisungen)
  • anschauliche Gestaltung der Verbalsprache (z. B. durch Einsatz von Bildmaterial, konkreten Gegenständen, Lautgebärden, handlungsbegleitendes Sprechen)
  • deutliche Artikulation mit überzeichnenden Lippenbewegungen
  • leicht verlangsamtes Sprechtempo
  • modulierte Stimmgebung und angemessene Lautstärke
  • gezielter Einsatz von Pausen
  • Verwendung kurzer, einfacher Satzstrukturen, die an den kindlichen Sprachentwicklungsstand angepasst sind
  • Sicherstellen von Wortbedeutungen
  • Ermutigung der Schülerinnen und Schüler, Unkenntnis verbal zu äußern und aktiv nachzufragen
  • Einsatz von sog. Modellierungstechniken (nach Dannenbauer)

Ein weiteres wichtiges Anliegen der Förderung ist es, eine mögliche Sprechscheu/ Sprechangst bei den Kindern abzubauen, zum Sprechen zu motivieren und Sprechfreude zu wecken.  Auch eine gezielte Erhöhung der Redeanteile von Schülerinnen und Schülern im Unterricht wird z. B. durch den Einsatz von Lernarrangements angestrebt.

 

Konzept „Rechtschreiben erforschen- Lesen verstehen“ (ReLv ©)[1]

 Seit dem Schuljahr 2014/2015 ist an der Wittekindschule nach intensiver Fortbildung des gesamten Kollegiums im Jahr zuvor ReLv in der Erprobung und in Teilen bereits im Unterricht implementiert.

ReLv (Rechtschreiben erforschen, Lesen verstehen) steht für ein integratives, handlungsorientiertes, ganzheitliches Unterrichtskonzept zur Förderung der Basiskompetenzen Rechtschreiben und Lesen. Es basiert auf den Strategien der Freiburger Rechtschreibschule[2] (FRESCH ©), auf einer silbenorientierten Sichtweise  vom Aufbau der Schriftsprache.

Wesentliche Elemente von ReLv sind

  • Forschend-entdeckendes Lernen als Grundlage des Rechtschreibunterrichts
  • Der Erwerb von zentralem Strategiewissen:
    – Schwingen
    – Weiterschwingen
    – Ableiten
    – Merken
    – Wörter zerlegen
  • Eine gemeinsame Unterrichtssprache, um über Rechtschreibprobleme und Lernprozesse nachdenken und sich austauschen zu können
  • Nutzen von kooperativen Lernformen
  • Die Integration von Übungsformen in den Unterricht aller Fächer durch wiederkehrende Rituale
  • Individuelles Lernen
  • Eine Förderdiagnostik als Grundlage für individuelle Förderplanung
  • Eine veränderte Sichtweise in Bezug auf Leistungsüberprüfung und -bewertung.

ReLv entspricht aktuellen didaktischen Prinzipien und Vorgaben der Lehrpläne.


[1]  Beate Morwinski, ReLv -Verlag Gütersloh 2013

[2] Michel (Hg.): Freiburger Rechtschreibschule, Lichtenau 2000

 

Verteilung der ReLv – Strategien auf die Jahrgangsstufen (Rechtschreiben)

KlassenstufenStrategienInhalteLernstandskontrollen
Schuleingangs-phase
E 1 und E2
SchwingenEinführung Schwingen
• ein-, zwei- und mehrsilbigen Wörter
• Silbenboote setzen
• Silbenkönige markieren
• Wörter mit Begleiter schreiben
• Zwillingsbuchstaben schreiben




Einführen der Lernkartei /und/oder eines Merkheftes
Einführen der Kontrollkarte:
• Erkennen schwieriger Stellen im Wort
• Strategiezeichen setzen als Nachdenkzeichen
gegen Ende der Schuleingangs-stufe E2
Klasse 3Schwingen
und
Weiterschwingen
Ableiten


gegen Ende 2. Hj.:

Wörter zerlegen

Festigen der Strategien Schwingen
Schwingen
• Sonderfälle ie -i & s - ss - ß

Weiterschwingen
• Sonderfälle ah eh uh

zusammengesetzte Nomen, dazu die Beweiswörter finden
Einführung Ableiten:
e oder ä eu oder äu
Beweiswörter dazu finden
Einführung Wörter zerlegen:
• Schwingen
• Zerlegen
• Stellen zum Schwingen, Weiterschwingen, Ableiten und Merken finden
• Strategiezeichen setzen
• Beweiswörter finden
2 pro Halbjahr
Klasse 4Strategien üben und anwendenAlle Strategien üben und anwenden:
• versteckte Zwillinge
• Sonderfälle
• Groß-und Kleinschreibung
• ähnlich klingende Laute
• schwierige Buchstaben / Merkwörter f –v, ch – x
• schwierige Schlangenwörter
2 pro Halbjahr

Verteilung der Lesekompetenzen auf die Jahrgangsstufen

KlasseLesefertigkeitLeseverständnisLesevortragÜberprüfung
Schuleingangs-
phase 1,2,3
• Einfache Laut-Buchstabenzuordnung
• Silbenlesen
• Lesen von mehrsilbigen Wörtern
• Lesen der Schulbuchtexte
• Steigern der Lesegeschwindigkeit (Fluency) durch Lautleseverfahren z.B.
- Lesen von Silbenteppichen
- Raketenlesen
- Lupenlesen
- Partnerlesen
• Wörterbücher als Nachschlagewerk nutzen
Informationen ermitteln, z.B.:

• Suchwörter finden
• Wort-Bildzuordnung
• Satz-Bildzuordnung
• Unvollständige Texte ent-schlüsseln
• Bilder einem Text zuord-nen
• Textbausteine sortieren oder Bilder zuordnen
• Klären von Verständnis-fragen
• Fragen zum Text auf ein-facher Ebene beantwor-ten
• Multiple-Choice Fragen
• Arbeitsanweisungen ver-stehen und umsetzen
• Wortgrenzen be-achten
• Satzende beach-ten
• Bewusste Artikula-tion auf Wortebe-ne
• Einsatz von Pilot-sprache
• Angemessene Lautstärke
• Korrekte Artikula-tion auf Satzebene
• Pausen gemäß der Interpunktion
• Angemessene In-tonation
• Raketenlesen auf Silben und Wortebene
• Blitzwortlesen
• Antolin
• Schuleigene Lernaufga-ben
• WLLP-R zum Schuljahres-ende
• Schuleigene Lernstands-kontrolle zu jedem Halb-jahr
Klasse 3• Steigern der Lesegeschwindigkeit (Fluency) durch Lautlese – und Viel-leseverfahren
• Fließend lesen
• Nutzen verschiedener Medien
• Lesen einer gemeinsamen Klassen-lektüre
• Anwenden von Texterschließungs-methoden
• Anbahnen von Lesestrategien
Textbezogen interpretieren:

• Lesen fremder auch län-gerer Texte
• Fragen zum Textver-ständnis beantworten
• Nutzen von Informatio-nen aus Texten
• Austausch mit einem Partner
• Schlüsselwörter finden
• Texte vergleichen und veränderte Aussagen entdecken
• Korrekte Artikula-tion vielsilbiger Wörter
• Vortag mit sinnge-bender Betonung
• Vortrag von eige-nen Texten
• Raketenlesen auf Wort-ebene
• Blitzwortlesen
• Lesepass
• Antolin
• Schuleigene Lernaufga-ben
• WLLP-R zum Schuljahres-ende
• Schuleigene Lernstands-kontrolle in jedem Halb-jahr
Klasse 4• Steigern der Lesegeschwindigkeit (Fluency) durch Lautlese – und Viel-leseverfahren
• Selektives Lesen
• Lesestrategien anwenden
• Austausch über Lesestrategien
Reflektieren und bewerten:

• Lesen langer Texten mit Sinnentnahme
• Listen/Tabellen/Bilder aus Textvorlagen entwickeln
• Zum Text Stellung neh-men
• Andere Überschriften zum Text finden
• Überschriften bewerten
• Textsortenmerkmale be-stimmen
• Korrekte Artikula-tion notwendiger Fremdwörter
• Gesicht nicht mit Vorlage verdecken
• Blickkontakt zu den Zuhörern auf-nehmen
• Raketenlesen auf Wort-ebene
• Blitzwortlesen
• Lesepass
• Antolin
• Schuleigene Lernaufga-ben
• WLLP-R zum Schuljahres-ende
• Schuleigene Lernstands-kontrolle in jedem Halb-jahr

 

Generatives Schreiben

Der Ansatz des Generativen Schreibens wurde von Gerlind Belke entwickelt.

Beim Generativen Schreiben produzieren Kinder eigene Texte auf der Grundlage vorgegebener Textmuster, meistens Gedichte oder Sprachspiele. Die Gedichtauswahl trifft die Lehrkraft mit Blick auf spezifische grammatikalische Strukturen, die in der Klasse erlernt  bzw. trainiert werden sollen.

Die Gedichte werden zunächst inhaltlich und  von ihrem Aufbau her intensiv mit den Schülern erarbeitet.

In der Erarbeitungsphase spielen

  • häufiges, gemeinsames, chorisches Sprechen
  • Auswendiglernen einzelner Gedichtstrophen
  • szenisches Spiel sowie
  • graphische Gestaltung

eine große Rolle.

Ist die Gedichtstruktur vertraut, wird damit begonnen, einzelne Elemente des Gedichtes durch andere/neue zu ersetzen. Im Rahmen der Umgestaltung des Gedichtes werden

  • gemeinsam neue Textideen besprochen
  • neues Wortmaterial gesammelt
  • dieses neue Wortmaterial orthographisch überarbeitet.

Dabei entdecken die Kinder grammatikalische  Regeln, ohne dass diese explizit thematisiert werden.

 

Beispiel:

Fliegen, die fliegen, heißen Fliegen, weil sie fliegen.Aber!Fliegen, die sitzen, heißen nicht Sitzen, obwohl sie sitzen,sondern Fliegen, wie die Fliegen, die fliegen.

(Originaltext von Joseph Guggenmos)

 

Varianten der Kinder:

Grillen, die grillen, heißen Grillen, weil sie grillen.

Aber!

Grillen, die backen, heißen nicht Backen,  obwohl sie backen,

sondern Grillen, wie die Grillen, die grillen.

 

Schaukeln, die schaukeln, heißen Schaukeln, weil sie schaukeln.

Aber!

Schaukeln, die still stehen, heißen nicht Stehen, obwohl sie stehen,

sondern Schaukeln, wie die Schaukeln, die schaukeln.

 

Additive Sprachförderung

Die unterrichtsimmanente Sprachförderung innerhalb der Klasse wird nach Möglichkeit durch Fördermaßnahmen in Kleingruppen ergänzt. Diese berücksichtigen die individuellen Förderbedürfnisse einzelner Kinder in den unterschiedlichen Teilbereichen des Sprach- bzw. Schriftspracherwerbs wie z. B.

  • Lautanbahnung
  • Erwerb von Meilensteinen der Grammatikentwicklung
  • Aufbau, Erweiterung und Differenzierung des Wortschatzes
  • Aufbau und Sicherung von Lese- und (Recht)Schreibkompetenz